Die Nachbarn haben es gefragt, unsere Familien, Freunde, Kommilitonen, die Handwerker und sogar Paketzusteller und Postboten wollten wissen: Wie kommt eine Horde Studenten eigentlich an so ein Haus? In der ersten Folge von “Was bisher geschah” erzählen wir die Geschichte von der Eroberung des Castle.

Die Idee, zusammen zu ziehen, schwebte uns Mädels schon länger im Kopf herum, so wie sie einem nun einmal im Kopf herumschwirrt, wenn man gut befreundet ist und sowieso mindestens einmal in der Woche zusammen kocht und ein weiteres Mal in irgendeiner Kneipe abhängt, wobei man jedes Mal feststellt, dass diese Drinks verdammt teuer sind und man sie viel besser in einer gemeinsamen Küche mixen und trinken könnte. Ende vergangenen Jahres wurde aus der Schnapsidee dann ein konkretes Vorhaben.

Dezember 2013

Zwei von uns leben im Wohnheim, aber die Wohnzeit neigt sich dem Ende zu, wie üblich in dieser beliebten Studentenstadt. Eine von uns wohnt zu diesem Zeitpunkt in einem überteuerten, unakzeptablen Kellerloch, nicht außergewöhnlich für diese beliebte Studentenstadt. Die vierte bekommt ihr Zimmer wegen Eigenbedarf der Vermieter gekündigt, kommt vor in dieser beliebten Studentenstadt. Der Beschluss war schnell gefasst: Wenn wir jetzt nicht zusammenziehen, wann dann?

Die Wohnungssuche begann, von Freunden und Bekannten wurden wir belächelt / verspottet / bemitleidet, ja ja, sucht ihr mal eine 4+ Zimmerwohnung in dieser beliebten Studentenstadt! Die ersten Anläufe waren ernüchternd: Sechs-Zimmer-Altbau – der Vermieter möchte nur Alleinstehende in der Wohnung, lässt die Wohnung lieber leer stehen als anderweitig zu vermieten. Vier Zimmer mit Wohnküche, frisch renoviert und bezahlbar – leider 20 Meter von den Bahngleisen inklisive Güterverkehr entfernt. Dass wir das Angebot, letztere Wohnung zu beziehen, ausschlugen, hielten viele schon für größenwahnsinnig. Was Besseres findet ihr nie! Oh doch.

2. Januar 2014

In der Zypresse sehe ich eine Anzeige, der Wortlaut in ungefähr:

Reihenhaus (neu), acht Zimmer, Hobbykeller, WG-geeignet. Tel. XXX XXX XX

Ich rufe an, spreche auf’s Band.

4. Januar 2014

Der Rückruf. Das Haus war eigentlich schon weg, aber die Gruppe ist kurzfristig abgesprungen. Das Haus bekommt, wer zuerst den Mietvertrag unterschreibt, keine mündlichen Zusagen mehr.

6. Januar 2014

Zu dritt besichtigen wir das Haus. Es haut uns schlichtweg um. Es ist riesig! Okay, die Zimmer sind eher klein, aber die Wohnküche ist der Traum jeder fünffachen Mutter (später finden wir heraus, dass zwei Häsuer weiter tatsächlich eine Familie mit fünf Kindern wohnt, plus ukrainischem Au-Pair Pawel*). Es gibt eine Terrasse, einen kleinen Garten – okay, es gibt sie noch nicht wirklich, aber es wird sie geben, und wir sehen uns dort schon grillen und sonnen und Gin trinken. Für den Hobbykeller hat jeder seine eigenen Träume: Yogastudio / Bar / Bibliothek / Homekino. Und alles ist so neu!

Keine Frage: Hier müssen wir einziehen! Das heißt: So schnell wie möglich den Vertrag unterschreiben, bevor jemand anderes schneller ist als wir.

7. & 8. Januar 2014

Wir treiben Bürgschaften von unseren Eltern ein, die der Vermieter haben möchte. Versichern uns selbst immer wieder, dass es besser nicht wird, dass wir die restlichen drei Zimmer schon los werden, schließlich leben wir in einer beliebten Studentenstadt. Gott sei Dank geht alles so schnell, dass wir nicht allzu viel Zeit haben, über alles nachzudenken.

9. Januar 2014

Um 15 Uhr kündige ich mein Wohnheimzimmer. Ein paar Stunden lang bin ich gefühlt obdachlos. Um 18 Uhr unterschreiben wir den Mietvertrag. Die Küche ist halb eingebaut. Eine von uns sieht das Haus zum ersten Mal. Mit Sekt begießen wir den Abschluss des Mietvertrags. An die Tür hängen wir ein Schild: “Heute keine Schlossbesichtigung”. Dann fahren wir in meine Noch-WG im Wohnheim, trinken noch mehr Sekt, fangen an darüber zu sprechen, wer welches Zimmer bekommt. Stellen bei WG-gesucht Anzeigen ein. Trinken noch mehr Sekt.

11. & 12. Januar 2014

Wir suchen nach Mitbewohnern. Das Casting artet zu einem feucht-fröglichen Abend in meiner “alten” WG aus. Der Kandidat, der sich als am trinkfestesten erweist, bekommt das erste Zimmer. Die anderen beiden vergeben wir temporär an einen Tschechen und einen Engländer, die beide in Freiburg ihre Masterarbeit schreiben. Zu diesem Zeitpunkt können wir ja noch nicht wissen, dass nach Auzug esteren die Nachvermietung des Zimmer einer mittleren Naturkatastrophe ähneln wird und dass letzterer sich sieben Monate später im Morgengrauen aus dem Staub machen würde, ohne seine Mietschulden zu zahlen oder das Zimmer zu putzen. Diesen Geschichten werde ich mich ein anderes Mal in “Was bisher geschah” widmen. An diesem Januarwochenende aber war erst mal alles gut.

13. Januar 2014

Alle Zimmer sind vergeben. Jetzt geht es um die kleineren Sachen: Strom, Internet, Müll anmelden. Den Umzug organisieren – unser Mietvertrag startete am 25. Januar. Aber das, so kam es zumindest mir nach der monumentalen Anmietung des Castles vor, waren jetzt ja nur noch Peanuts.

25. Januar 2014

Abends fahren wir zu IKEA. Ich brauche ein neues Regal. Und wir einen Transporter für den Umzug. Diese beiden Tatsachen stehen jedoch in keinerlei Zusammenhang. Bis nach Mitternach wurde das Regal aufgebaut. Dann zurück in mein altes Zimmer. Stand der Dinge dort: Noch nix gepackt. Stand morgens um 4.30: Alles gepackt.

26. Januar 2014

Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Aufstehen, duschen, Möbel auseinander packen. Zum Bäcker, Brötchen kaufen, Schnittchen schmieren für die Umzugshelfer. Dann geht es los. Den ganzen Tag lang: Kisten aus einer Wohnung rausschleppen, verladen, zum Castle fahren, ausladen, über die Terrasse in die Küche mit dem Kram, die Wendetreppe hinauf / hinunter. Sperrige Gegenstände werden durch die Fenster ins 1. / 2. OG gehoben. Ist der Kastenwagen leer, geht’s ab zur nächsten Wohnung und dann alles von vorne.

Zwischendurch schonmal ein bisschen Einrichten:

Man sagt ja, dass das, wovon man in der ersten Nacht in einem neuen Haus träumt, wahr wird. Leider kann ich mich an nichts erinnern.

Am nächsten Morgen nochmal zu IKEA. Nach circe fünf Tassen Kaffee im IKEA-Restaurant sah ich dann so aus:

ikea kaffee

Eine Woche nach Einzug sollte ich für einen Monat nach Brasilien fliegen, dazwischen lagen einige Uni-Prüfungen. Aber das sind nun wirklich Details.

Wenn wir in den Wochen nach dem Einzug – und auch jetzt immer noch ab und an – gefragt wurden, wie wir eigentlich an dieses Haus kamen, haben wir meistens eine kurze Antwort gegeben: Wir hatten Glück, wir waren schnell, wir waren mutig. Wenn Leute uns für wahnsinnig erklärten, und fragten, wie wir dies oder jenes regeln wollten, damals, Anfang Januar, in den wenigen Tagen zwischen erster Besichtigung und Vertragsabschluss, dann habe ich immer gesagt: Man kann nicht zuerst darüber nachdenken, wo man welches Bild hin hängt / welche Planze hinstellt. Man muss sich von groß nach klein vorarbeiten. Haus mieten. Hausfreunde finden. Einziehen. Einrichten. Zusammen leben. Streiten. Versöhnen. Weiter zusammen leben. Und dann irgendwann, dann lann man auch über Topflanzen nachdenken. Wir haben seit zwei Wochen ein paar.

*Name von der Redaktion geändert