Wir sind ja weltoffene Menschen. Also holten wir uns einen Engländer ins Schloss. Der stellte sich als die größte Prinzessin von allen heraus, war putzresistent und wurde schlussendlich der Engländer, der die Miete prellte, aus dem Fenster stieg und verschwand  – na ja, fast.

Bevor ich ins Castle gezogen bin, habe ich im Studentenwohnheim in einer 7er-WG gewohnt. Zwei der Zimmer wurden jedes Jahr an neue internationale Studenten vergeben. Da war wirklich alles dabei, in jederlei Hinsicht, nicht nur was die Nationalitäten angeht. Einmal hatten wir einen Ami, der sich ausschließlich von Eiweiß und Proteinshakes ernährt hat. Einmal eine Südafrikanerin, die wir so selten sahen, dass wir erst nach einer Woche, oder vielleicht waren es auch zwei oder drei, merkten, dass sie wohl ausgezogen war. Unser bestes Jahr in puncto Austauschstudenten war jenes, in dem erst ein unglaublich kluger Mensch aus Singapur bei und wohnte und dann ein Iraner und ein Amerikaner (aus dem ländlichen Pennsylvania, er konnte seine Kühe nachahmen und war generell für ziemlich viele verrückte Sachen zu haben – Camping, Bärenjagd, jede Biersorte dieses Landes, seltsame Blogeinträge), die sich erst etwas skeptisch gegenüber standen, sich aber ziemlich schnell ziemlich gut verstanden. Alles in allem kann man sagen, dass wir eine gute Zeit mit unseren Internationals hatten. Und so dachten wir bei Einzug ins Castle: Why not? Und vergaben eines der Zimmer an einen Engländer, der in Freiburg seine Master-Arbeit schreiben würde.

Schon bald, nachdem A. eingezogen war, befanden wir: Ein ziemlich cooler Typ. Bei seiner Ankunft weilte ich noch in Brasilien, von den Mitbewohnern hörte ich aber nur Gutes. Ob meiner Rückkehr dauerte es auch nicht lange, bis man sich beim Abendessen am Küchentisch traf. Auch wenn mir die Konsumgewohnheiten von A. etwas seltsam vorkamen (zum Essen nur Hüttenkäse und massenweise hartgekochte Eier, bloß kein Fett, Olivenöl ist böse, aber abends dann fünf bis sechs Bier), verstanden wir uns gut. Eigentlich alle im Haus verstanden sich gut mit A., außer jener unserer Mitbewohner der sich weigerte, Englisch mit A. zu sprechen, schließlich sollte er auch etwas Deutsch lernen. Hatte er ja angeblich mehrere Jahre lang in der Schule. Whatever.

Zum Ende hin wurde es schwierig mit A. Ich war in einer anderen Stadt, nur manchmal am Wochenende im Castle. Andauernd musste ich fragen, wo denn die Miete bleibe, es war nicht ungewöhnlich, dass A. mehrere Monate im Verzug war. Sein Putzverhalten war –  nicht existent. Nachfragen und Mahnungen von uns schien er aus uns unerfindlichen Gründen immer als “friendly reminder” aufzufassen, selbst dann noch, wenn wir explizit verlauten ließen: “This is NOT a friendly reminder.” Aber der arme, arme Junge hatte ja SO VIEL zu tun im Labor, wegen seiner Master-Arbeit. Dass immer noch genug Zeit (und offensichtlich auch Geld) blieb, um mehrmals in der Woche abends um die Häuser zu ziehen, mit einer ständig wechselnden Gang aus anderen internationalen Studenten aus dem Labor schien er nicht als Widerspruch dazu zu empfinden, dass er für’s Putzen einfach keine Zeit hatte. Selbst Ausgeliehenes, wie z.B. den Grill eines Mitbewohners, gab er ohne jedes Schulsbewusstsein verdreckt zurück. Dass er nach ein paar Wochen den dreckigen Grill in seinem Bett vorfand, überraschte, schockierte ihn. Meine Vermittlungsversuche führten dazu, dass A. den Grill einmal mit kaltem Wasser übergoss. Unseren dezenten Hinweis, dass Putzmittel helfen könnte, dass eingetrocknete Fett zu entfernen, ignorierte er mehr oder weniger. Die Prinzessin war eingeschnappt.

Ich war unterdessen in Berlin. Es war Anfang August und A. hatte noch nicht einmal die Miete für Juli gezahlt. Er wartete, das sagte er seit Wochen, auf ein Reimbursement von seiner Uni für irgendeine Konferenz. Dann bekam ich eine Nachricht, ob er nicht einen Teil der Kaution zurück bekommen könnte, er würde ja bald ausziehen. Ich rechnete ihm vor, dass die Kaution gerade einmal die noch ausstehende Miete decke und erinnerte ihn daran, dass er mir persönlich ja auch noch 160 Euro für ein Festivalticket schuldete. Da fragte ich mich zum ersten Mal, wie dreist man eigentlich sein kann.

Mitte August war ich dann zurück im Castle, und A.s Auszug stand an. Der Mitbewohner mit dem Grill war nicht der einzige, der sich freute. A. fragte, wann er die Kaution zurück haben könne. Ich wiederholte, was ich ihm schon zuvor mitgeteilt hatte und schlug war, einen Termin zu vereinbaren, an dem er das geräumte und geputzte Zimmer übergeben könnte, wir die Kaution mit der ausstehenden Miete und meinen 160 Euro verrechnen  und er den Rest seiner Schulden begleichen könnte. Wir vereinbarten Sonntag Nachmittag, da A. am Montag zurück nach England fliegen würde.

Am Sonntag teilte er mit, er habe sich geirrt, würde doch erst am Dienstag abreisen, ob wir die Zimmerabnahme auf Montag verschieben könnten. Das kam mir schon sehr seltsam vor, also schlug ich Montagmorgen vor, gleich um acht. Da könne er nicht, er müsse nochmal ins Labor, Papierkram erledigen.

“At 8 in the morning, during semester break?!”

“Yes, actually, I have an appointment in the lab at 7.30.”

Niemals.

“Alright, so we check the room afterwards. 9.30.”

Er stimmte widerwillig zu. Ins Zimmer konnte ich keinen Blick erhaschen. Ich sprach mit dem einzigen anwesenden Mitbewohner  – alle anderen waren ausgeflogen oder arbeiten. Am Montag würde ich mich schon früh in die Küche setzen und schauen, was passiert.

Montagmorgen, 5.30. Mein Wecker klingelte.

Hundemüde schlug ich in der halbdunklen Küche mein Lager auf.

Kurz nach 6. Es regte sich etwas im ersten Stock. A. schon wach, wenn er erst um 7.30 im Labor sein musste? Seltsam.

Rückblickend hätte ich spätestens zu diesem Zeitpunkt die beiden anderen noch selig schlafenden Mitbewohner wecken müssen, auch auf die Gefahr hin, von ihnen gesteinigt zu werden. Aber im Nachhinein ist man nun mal immer schlauer.

6.15 Die Prinzessin erscheint in der Küche und ist augenscheinlich überrascht mich  dort anzutreffen.

“Got work to do”, sage ich.

A. versucht, Smalltalk zu führen. Verschwindet für längere Zeit oben. Gegen halb sieben beginnt er, schwere Taschen ins Erdgeschoss zu hieven.

“Incredible how much stuff I’ve accumulated”, sagt A., “I’m gonna drop off some stuff at M.’s place.”

ALLERSPÄTESTENS jetzt hätte ich alle aus den Betten holen müssen. Im Nachhinein und so…

A. ist im Flur. Ich laufe nach oben, werde einen Blick in sein Zimmer.

Leer.

Als ich wieder unten bin, steht er schon von der Tür.

“Where are you going?”

“To the lab. Gonna drop off some stuff there.”

“At the lab? Five minutes ago it was M.’s place. I really hope for you that you’ll be back here at 9.30.”

“Oh, I will.”

A. geht. Ich düse in den ersten Stock, gehe in sein Zimmer. Auf dem Schreibtisch liegt ein Umschlag. Darin: 40 Euro in bar und eine “Abrechnung”, die schon auf den ersten Blick vorne und hinten nicht stimmt.

Ich renne die Treppe runter und aus dem Haus. Habe keinen Haustürschlüssel dabei, lasse die Tür offen. Rufe Mitbewohner 1 an. Wo ist A.? So weit  kann er doch noch gar nicht gekommen sein. Am anderen Ende der Leitung nimmt niemand ab. Ich rufe Mitbewohner zwei an, renne um die Ecke Richtung Hauptstraße. A. ist schon fast an der Hauptstraße. Ganz schön schnell unterwegs.

“Do you think this is fair?”, brüllte ich ihm nach, in Schlafanzug und Birkenstock-Hausschuhen, mit der “Abrechnung” wedelnd.

“Yes, I think this is very fair”, brüllte er zurück, seine zwei riesigen Taschen kurz absetzend, “after all the crap you’ve been putting me through!”

Es war ein bisschen wie eine Szene aus einer sehr, sehr schlechten Telenovela.

A. dreht sich einfach um und geht weiter.

Körperlich bin ich ihm völlig unterlegen. Ich renne zurück zum Haus. Die Mitbewohner sind verwirrt in der Küche erschienen. Wir setzen uns ins M.s Auto und düsen los. Der gesamte Vorgang kann keine fünf Minuten gedauert haben. A. ist wie vom Erdboden verschluckt. Einfach weg. Nicht an der Bushaltestelle. Nicht an der Straßenbahnhaltestelle. Entweder hat ihn jemand abgeholt oder er hat sich irgendwo im Gebüsch oder einer Seitenstraße versteckt. Feigling.

Wir fahren zurück nach Hause. Sitzen wie paralysiert in der Küche. Natürlich war uns in den vergangenen Wochen klar geworden, dass A. vielleicht nicht ganz so cool war, wie anfangs gedacht. Aber dieses Niveau an Dreistigkeit hätte keiner von uns erwartet.

Das Allerschlimmste daran war, dass er sich ganz offensichtlich keinerlei Schuld bewusst war. Er war der arme Junge, die bösen Deutschen hatten ihm Unrecht getan. Sein Zimmer hatte er ungeputzt hinterlassen, das mussten wir dann machen. Gut möglich, dass er während seiner kompletten achtmonatigen Anwesenheit nie geputzt hat. Im bei seinem Einzug absolut neuen und makellosen Holzboden waren Dellen von seinem Schreibtischstuhl, die Kaution deckte gerade so seine Mietschulden. Von meinen 160 Euro verabschiedete ich mich ziemlich schnell.

Wir schrieben seiner Mutter und seiner Schwester auf Facebook, in der Hoffnung, dass irgendjemand in dieser Familie Anstand hatte. Eine Antwort bekamen wir nie, wer weiß, was für Geschichten A. seiner Familie erzählt hatte. Schon 20 Minuten nach seinem Verschwinden hat A. uns alle auf Facebook geblockt.

Später erfahren wir, dass A. sich an jenem Montagmorgen mir Freunden von uns (!) noch am Bahnhof getroffen hat und ihnen vorgeheult hat, keiner von uns sei mitgekommen, “to see him off”. Der arme Junge.

Was bleibt sind nicht nur die Macken im Fußboden und mein verlorenes Geld. Es bleibt vor allem Ernüchterung. Ein Austausch, so hatten wir es bisher erlebt, wenn wir selbst im Ausland waren oder mit internationalen Studenten unsere WGs geteilt haben, führt dazu, dass man ein bisschen mehr an das Gute in der Welt glaubt. Von A., dem wir ein Zimmer gegeben hatten ohne ihn persönlich getroffen zu haben, dem wir alle unsere Freunde vorgestellt haben, den wir immer eingeladen haben mitzukommen, so dermaßen hintergangen zu werden, und so dreist ins Gesicht gelogen zu bekommen, das tut richtig weh. Im Endeffekt führt es dazu, dass wir beim nächsten Mal misstrauischer sein werden. Dass wir Austauschstundenten ein bisschen weniger offen entgegen treten werden. Natürlich versuchen wir uns dagegen zu wehren. Im August hatten wir direkt wieder einen Amerikaner im Haus, er hat richtig gut deutsch gesprochen, von sich aus auch mal was sauber gemacht, er war offen und interessiert und einfach ein korrekter Typ. Das hat uns ein bisschen mit der Welt versöhnt.

Was A. betrifft, verstehe ich einfach nicht, was in seinem kleinen Hirn vorgegangen ist, wie man sich selbst so anlügen kann. Meine Oma sagt: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Ich kann es kaum erwarten.